Die Wanne des Schaalsees
... von Heiko Wruck
Mittwoch, 22. April 2026
Lassahn/ssr. Der Schaalsee liegt geologisch in einer typisch jungpleistozänen glazial geprägten Landschaft Norddeutschlands. Sein Untergrund ist kein einheitlicher „Felsboden“, sondern ein komplexer Aufbau aus Eiszeitablagerungen. Der Schaalsee ruht geologisch auf einem eiszeitlich geformten Untergrund aus Moränen, Sanden und Schmelzwassersedimenten, über dem sich im Holozän Seeschlämme, Torfe und Moorbildungen abgelagert haben.
Entstehung: Eiszeit formt die Landschaft
Um die Entstehung des Schaalsees zu verstehen, müssen wir uns auf eine Zeitreise etwa 15.000 bis 20.000 Jahre zurückbegeben, als das heutige Norddeutschland unter einer massiven Eisdecke begraben war. Der Schaalsee entstand am Ende der letzten Eiszeit (Weichsel-Kaltzeit) durch das Zusammenspiel von Gletschern und Schmelzwasser. Dabei wurden Rinnen ausgekolkt, die sich später mit Wasser füllten – typisch für sogenannte Zungenbecken- bzw. Rinnenseen. Entscheidend für die Entstehung waren zwei Hauptfaktoren: die Gletscherschürfung und die Rinnenseebildung.
Die Gletscherschürfung bewirkte, dass gewaltigen Eiszungen den Boden eindrückten und sehr viel Material beiseite schoben. Unter dem Eis flossen gleichzeitig gewaltige Ströme aus Schmelzwasser unter extremem Druck. Diesen Prozess nennt man Rinnenseebildung. Diese „Tunnel-Täler“ frästen tiefe Rinnen in den Untergrund. Sie bilden heute die tiefsten Stellen des Schaalsees. Die tiefste Stelle kommt auf 72 Meter. Die tiefste Stelle des Schaalsees befindet sich im Rethwiesentief. Das Rethwiesentief liegt im zentralen Hauptbecken des Sees, etwa auf der Höhe zwischen der Ortschaft Seedorf (Schleswig-Holstein) und dem mecklenburgischen Ufer nördlich von Zarrentin. Der See ist stark zerklüftet und gliedert sich in verschiedene Becken. Während das zentrale Becken die maximale Tiefe erreicht, sind andere Bereiche deutlich flacher:
● Durchschnitt
Die mittlere Tiefe des gesamten
Sees liegt bei etwa 17 Metern.
● Seitenbecken
Meist zwischen 10 und 45 m tief.
● Zentrales Becken
Bis zu 72 m (Rethwiesentief).
Grundstruktur des Untergrunds
Der geologische Untergrund besteht im Wesentlichen aus der „glazialen Serie“, also mehreren Schichten eiszeitlicher Ablagerungen. Diese Einheiten bilden den großflächigen geologischen Unterbau der gesamten Schaalsee-Region. Der Untergrund des Schaalsees besteht primär aus quartären Ablagerungen (Sand, Kies, Geschiebemergel). Tonschichten, Salzgestein und Kristallingestein liegen tief unter diesen Sedimenten verborgen.
● Kristallingestein: Das „Urgestein“
(Granit, Gneis) ist das Fundament
der skandinavischen Platte. Im
Bereich des Schaalsees liegt das
Kristallin extrem tief begraben
(oft 3 bis 5 Kilometer tief).
● Salzgestein
Norddeutschland sitzt auf ge-
waltigen Zechstein-Salzstöcken
aus dem Perm (ca. 250 Mio. Jahre
alt). Diese liegen unter dem
Schaalsee jedoch meist in mehreren
Kilometern Tiefe oder bilden
seitlich gelegene Salzstöcke.
● Tonschichten
Diese finden sich oft als wasser-
stauende Schichten (z. B. Lauen-
burger Ton) in den oberen hundert
Metern des Sedimentpakets
● Grundmoräne (Lehm, Geschiebe-
mergel) ist Material, das direkt
unter dem Gletschereis abgelagert
wurde
● Endmoränenzüge
Wallartige Ablagerungen am Eisrand
● Sander- und Schmelzwassersande
Durch abfließendes Schmelzwasser
sortierte Sande und Kiese
Sedimente direkt im Seebecken
Im eigentlichen Seebecken liegt über den eiszeitlichen Schichten eine jüngere Füllung. Gerade in Senken und Rinnen sammelt sich organisches Material, das zu Moorbildung führt.
● Seesedimente
(Mudden, Kalkschlämme)
● Torf in verlandeten Rand-
zonen und Senken
● Lokal auch kalkreiche
Ablagerungen (z. B. Kalk-
mudde und Torfe in
Verlandungsbereichen)
Besonderheiten: Hohlformen und „Sölle“
In der Umgebung des Schaalsees finden sich typische Eiszeitformen wie:
● Sölle (kleine Seen
in Eiskesseln)
● Rinnen und Toteisformen
● Lokale Schmelzwasser-
rinnen und Oser-Strukturen
Der Gletscher: Maße und Gewicht
Der Gletschervorstoß der Weichsel-Kaltzeit war gigantisch.GrößeDcke. Über der Gegend des Schaalsees lag das Eis schätzungsweise 200 bis 500 Meter dick. Zum Vergleich: Das ist höher als der Berliner Fernsehturm oder das Empire State Building. Eis hat eine Dichte von etwa 917 kg/m³. Bei einer Dicke von 300 Metern lastete ein Druck von etwa 275 Tonnen auf jedem Quadratmeter Land. Dieses enorme Gewicht drückte die Erdkruste regelrecht nach unten.
Die Dauer des Abtauens
Das „große Schmelzen“ war kein plötzliches Ereignis, sondern ein Prozess über Jahrtausende. Der Rückzug des Eises aus der Region begann vor etwa 14.000 bis 15.000 Jahren. Es dauerte schätzungsweise 2.000 bis 3.000 Jahre, bis die Gegend komplett eisfrei war. Oft blieben riesige Eisblöcke unter Sand begraben liegen („Toteis“), die erst Jahrhunderte später schmolzen und die typischen runden Kessel-Seen (Sölle) bildeten.
Die Tiefe von 72 Metern
Dass der Schaalsee mit bis zu 72 Metern der tiefste Klarwassersee Norddeutschlands ist, verdankt er seiner Entstehung als Glaziale Rinne. Das Schmelzwasser unter dem Gletscher stand unter dem immensen hydrostatischen Druck des darüberliegenden Eises. Wie ein Hochdruckreiniger fräste dieses Wasser schmale, extrem tiefe Rinnen in den weichen Untergrund. Nachdem das Eis weg war und der Meeresspiegel sowie der Grundwasserspiegel stiegen, füllten sich diese tiefen Kerben mit Wasser.