Sinnloser Tod durch 37 Splitter
... von Heiko Wruck
Samstag, 18. April 2026
Harry Weltzin starb durch zwei Splitterminen - getroffen von 37 Splittern. Er trug eine Erkennungsmarke der Nationalen Volksarmee am Hals. Der damalige Explosionsort, an dem Harry Weltzin bei Kneese gestorben ist. Grenzzaun mit dem 6 Meter breiten Spurenkontrollstreifen mit dem Grenzzaun und den am Zaun befestigten Minen („SM-70“, Gerät 501.): So sah der Grenzabschnitt bei Kneese aus, an dem Harry Weltzin gestorben ist. Die Fototafel erklärt die Vorgänge und die Person des Grenzopfers Harry Weltzin nur unzureichend. Foto: Heiko Wruck
Kneese/ssr. Am Sonntag, 4. September 1983, starb Harry Weltzin an der innerdeutschen Grenze bei Kneese (Schaalsee-Region). Er hatte zwei Splitterminen ausgelöst, als er versuchte, das letzte Sperrelement zur Bundesrepublik Deutschland zu untergraben. Heute erinnert in Kneese ein Mahnmal an Weltzins gescheiterten Fluchtversuch. Was den 28-Jährigen zur Flucht aus der DDR veranlasste, bleibt unklar.
„Weltzin wollte Freiheit erlangen und in die Bundesrepublik flüchten“, heißt es auf der Fototafel am Mahnmal für Harry Weltzin in Kneese, einem kleinen Dorf in der Schaalsee-Region im Landkreis Nordwestmecklenburg an der Landesgrenze zwischen Schleswig-Holstein und Mecklenburg. Der Satz vermittelt Heroismus im Freiheitskampf gegen einen Unterdrücker-Staat. Aber waren es wirklich unbändiger Freiheitsdrang und Opposition gegen den SED-Staat, die Harry Weltzin an den Grenzzaun und schließlich in den Tod trieben? Der Forschungsverbund SED-Staat, beheimatet an der Freien Universität Berlin, zeichnet ein weniger heroisches Bild von Harry Weltzin.
Vita
● geboren am 7. Februar 1955
in Wismar
● Polytechnische Oberschule
„Gerhart Hauptmann“ in Wismar
● Elektromonteurslehre in Wismar
● Facharbeiter Elektromonteur
● 3 Jahre Nationale Volksarmee
(1974 - 1977) Mot.-Schützen-Regiment
am Berliner Ring, Feldwebel
● 7. Oktober 1979 Beförderung zum
Leutnant der Reserve
● Elektrotechnikstudium an der Ingenieur-
hochschule in Wismar
● 1981 Studienabschluss als Diplom-Ingenieur
● Konstrukteur im VEB Mathias-Thesen-Werft
Wismar
● 1975 - 1980 SED-Mitglied
● Parteiausschluss wegen unregelmäßiger
Teilnahme am Parteileben und Verweigerung
der Beitragszahlungen
● Die 1979 geschlossene Ehe scheiterte 1981
● Nach der Scheidung neu verlobt mit einer
Kinderdiakonin aus Schwerin
● Er kündigte zu Jahresbeginn 1983 die Arbeit
in der Wismarer Werft und zog nach Schwerin
zu seiner Verlobten
● Juni 1983: Geburt des gemeinsamen Kindes
● Harry Weltzin arbeitete als Verkäufer im Laden
seiner Eltern
„Am Abend des 3. September 1983 fand (Anm. d. Red.: die Verlobte), als sie in ihre Wohnung zurückkehrte, eine handschriftliche Erklärung ihres Verlobten vor, in der er die Vaterschaft für das gemeinsame Kind anerkannte und ihr sein Mobiliar übereignete. Wenige Stunden später, am Sonntagmorgen um 4.36 Uhr, löste die Grenzsignalanlage bei Kneese Alarm im Führungspunkt der Grenzkompanie Kneese aus.“ Quelle: Forschungsverbund SED-Staat, vollständiger Bericht hier.
Jeder Tote ist einer zu viel. Dies gilt uneingeschränkt auch für Harry Weltzin, der an der deutsch-deutschen Grenze beim unerlaubten Grenzübertritt gestorben ist. Doch dem Opfer Weltzin Heroismus und Freiheitsdrang zuzurechnen, greift offenbar zu kurz und ist zwar aus politischer Sicht nachvollziehbar, jedoch kaum gerechtfertigt. Seine erste Ehe war gescheitert, er hat seinen Konstrukteurs-Job gekündigt und seine Verlobte mit ihrem knapp drei Monate jungen Baby allein sitzen gelassen.
„Weltzin wollte Freiheit erlangen ...“ und deshalb in die Bundesrepublik flüchten? Freiheit wovon? Harry Weltzin starb durch zwei Splitterminen. Die Minen waren nicht am Boden versteckt, sondern offen sichtbar über drei Ebenen am Grenzzaun befestigt. Jede Mine war bis zur nächsten derselben Ebene mit einem Auslösedraht verbunden, der ebenso offensichtlich am Grenzzaun befestigt war. Es handelte sich hierbei um sogenannte „SM-70“, Gerät 501.
„Grenztruppen der DDR demontierten am 30. November 1984 die letzten Splitterminen an der innerdeutschen Grenze. Von 1970 bis 1984 verloren etwa zehn Menschen durch sie ihr Leben.“ Quelle: Wikipedia
Als die Minen um 4.36 Uhr auslösten und die Alarmgruppe am Explosionsort eintrafen, fanden die Angehörigen der Grenztruppen der DDR dort einen Mann, der keine Lebenszeichen zeigte. Der Tote trug eine Erkennungsmarke der Nationalen Volksarmee am Hals und hatte zahlreiche Hilfsmittel für einen offenbar geplanten Grenzdurchbruch bei sich. Bis auf ein mitgeführtes Messer war er unbewaffnet. Harry Weltzin hatte versucht, das mit Minen gesicherte Sperrelement mit einem Spaten zu untergraben. Dabei hatte er die beiden Minen ausgelöst.
Harry Weltzins Tod an der innerdeutschen Grenze muss uns heute Vermächtnis und Mahnung sein. Diese Grenze war, wie die meisten Grenzen auf er Welt, eine politische. Wer heute gesicherte Grenzen gegen Migranten fordert, nimmt Opfer wie Harry Weltzin bewusst in Kauf. Denn eine Grenze ist erst dann gesichert, wenn sie kaum überwindbar ist. Kaum überwindbar ist sie jedoch nur dann, wenn sie mit tödlichen Risiken verbunden ist. Das bedeutet, es muss Anlagen geben, wie die Minen, die Harry Weltzin töteten. Und es muss Menschen geben, die bereit sind, die Undurchdringlichkeit solcher Grenzen auch mit Todesschüssen zu gewährleisten. Harry Weltzins Tod stellt uns nicht die Frage, ob er heroisch oder freiheitsliebend war, sondern sie birgt zwei völlig andere Fragen: Wollen wir in so einer Welt leben? Sind wir für einen solchen „Grenzschutz“ persönlich bereit, Menschen zu töten? Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um die ehemalige innerdeutsche Grenze handelt oder um die Festung Europa, an deren blauer Grenze im Mittelmeer pro Jahr circa Tausend Menschen sterben – nur weil sie nach Europa oder Deutschland wollen.
Angesichts deutscher Politiker, die nach dem Fall der innerdeutschen Grenze die Errichtung neuer tödlicher Grenzen und einen Schießbefehl fordern, sollten wir gewarnt sein. Wer an seinen Grenzen bereit ist, Menschen zu töten, der ist auch bereit, das eigene Volk umzubringen.