1712 – Die Schlacht bei Wakenstädt – Gadebusch



... von Heiko Wruck

Mittwoch, 13. Mai 2026


Lassahn/ssr. Eine Allianz aus Russland, Sachsen-Polen und Dänemark-Norwegen hatte im März 1700 Schweden angegriffen. Das war der Auftakt zum Großen Nordischen Krieg (1700 - 1721), der auch die Region Wakenstädt – Gadebusch massiv betraf. Dieser Krieg wurde um die Vorherrschaft im Ostseeraum geführt. Am 20. Dezember 1712 fand die bedeutendste Schlacht des Großen Nordischen Krieges bei Wakenstädt – Gadebusch statt. Die Schweden waren siegreich. Doch nützte ihnen das nichts.

In der Schlacht bei Gadebusch kämpften:


    schwedische Truppen unter

gegen

  ein verbündetes Heer aus Dänen und
    Sachsen unter Frederik IV. sowie dem
    sächsischen Feldherrn Jacob Heinrich

Verlauf der Schlacht

Die Schweden standen damals militärisch stark unter Druck. Trotzdem gelang ihnen bei Gadebusch ein überraschend deutlicher Sieg. Die schwedische Armee griff die dänisch-sächsischen Linien südlich der Stadt an und konnte sie nach schweren Kämpfen durchbrechen. Besonders wichtig war der schnelle Angriff der schwedischen Infanterie, der wirkungsvolle Einsatz der schwedischen Kavallerie sowie das schlechte Wetter und das schwierige Gelände. Eine für beide Seiten verlustreiche Schlacht. Sie war der letzte große Sieg Schwedens im Großen Nordischen Krieg. Langfristig änderte der Sieg jedoch den Kriegsverlauf kaum. Schweden verlor später dennoch seine Großmachtstellung im Ostseeraum.

Bei Gadebusch trafen 14.000 - 16.000 Schweden (~9.000 Infanteristen, ~5.000 Mann Kavallerie + 30 Geschütze) auf 18.000 - 20.000 Dänen und Sachsen (~10.000 Infanteristen, ~8.000 Mann Kavallerie + 13 - 14 Geschütze).

Die Truppenaufstellungen am 20. Dezember 1712 konzentrierten sich auf das offene Gelände zwischen der Stadt Gadebusch und dem südlich gelegenen Dorf Wakenstädt. Das Gelände war durch den Fluss Radegast und sumpfige Wiesen geprägt, was die Bewegungen massiv beeinflusste.

Details zu den Kontingenten

Schweden (unter Magnus Stenbock):

Stenbock führte eine hochmotivierte, aber durch den Marsch erschöpfte Truppe ins Feld. Seine Stärke lag in der Artillerie, die unter Oberst Cronstedt eine neue Taktik anwandte: Die Kanonen waren mobil und konnten während der Schlacht schnell verlegt werden, um die dänischen Linien unter Dauerbeschuss zu nehmen.

Dänemark (unter König Friedrich IV.):

Die Dänen stellten mit etwa 15.000 Mann das Hauptkontingent der Alliierten. Sie waren in einer starken Verteidigungsposition bei Wakenstädt aufgestellt, wurden jedoch von der Wucht des schwedischen Angriffs überrascht.

Sachsen (unter Jacob Heinrich von Flemming):

Die Sachsen unterstützten die Dänen mit etwa 3.000 bis 3.500 Mann, fast ausschließlich Kavallerie. In der Schlacht spielten sie eine eher unglückliche Rolle. Nach einem schnellen schwedischen Vorstoß zogen sie sich frühzeitig vom Schlachtfeld zurück und entblößten dadurch die Flanke der Dänen.

Obwohl die Alliierten knapp 4.000 Mann mehr hatten, konnten sie diesen Vorteil nicht nutzen. Die russischen Verbündeten (ca. 30.000 - 40.000 Mann) waren zum Zeitpunkt der Schlacht noch zu weit entfernt, um einzugreifen. Stenbock nutzte dieses Zeitfenster konsequent aus, um die Alliierten getrennt zu schlagen. Die Schlacht endete mit schweren Verlusten für die Dänen (ca. 2.500 Tote und 2.500 Gefangene). Der schwedische Oberbefehlshaber Magnus Stenbock gab die Zahl der schwedischen Toten mit ca. 500 bis 600 Mann an. Die Zahl der Verwundeten lag laut diesen Berichten deutlich höher, bei etwa 1.000 bis 1.100 Mann. Die schwedische Seite bezifferte ihre „Casualties“ (Ausfälle) insgesamt auf circa 1.600 Mann. Dennoch war der Sieg strategisch ein „letztes Aufbäumen“, da Stenbock kurz darauf in der Belagerung von Tönning kapitulieren musste.

Zerstörung und das „Schicksalsjahr“ für Gadebusch

Obwohl die eigentliche Schlacht auf den Feldern vor der Stadt (beim Dorf Wakenstädt) stattfand, litt die Stadt Gadebusch enorm. Historiker schätzen die Einwohnerzahl von Gadebusch für das Jahr 1712 bei etwa 1.000 bis 1.200 Einwohnern. Während der Schlacht standen sich etwa 35.000 Soldaten gegenüber. Das bedeutet, auf jeden Einwohner kamen rechnerisch circa 30 Soldaten. Die Bewohner Gadebuschs lebten von der Landwirtschaft, dem Handwerk und dem Brauwesen. Die massiven Requisitionen (Beschlagnahmungen von Getreide und Vieh) trafen die Existenzgrundlage dieser 1.000 Menschen unmittelbar. Nur rund 60 Jahre vor Gadebusch war Mecklenburg durch den Dreißigjährigen Krieg massiv entvölkert worden. Die Region befand sich 1712 immer noch in einer Phase der langsamen demografischen Erholung. Kurz vor der Schlacht (um 1710) grassierte die Pest in Norddeutschland. Auch wenn Gadebusch nicht so schwer getroffen wurde wie etwa Wismar oder Danzig, hielt dies die Bevölkerungszahl niedrig. Gadebusch war durch eine Mauer und Tore begrenzt, was das physische Wachstum einschränkte. Das Leben spielte sich auf engstem Raum ab, was die hygienischen Zustände während der Einquartierung nach der Schlacht katastrophal machte. Die Ankunft von zwei riesigen Armeen in einem Gebiet, das nur von gut tausend Menschen bewohnt wurde, glich einer humanitären Katastrophe. Gadebusch wurde buchstäblich von der Masse der Menschen und Pferde „aufgefressen“.

Einquartierungen und Plünderungen

Schon vor der Schlacht mussten die Bürger Tausende Soldaten verpflegen. Nach dem Sieg der Schweden wurden die dänischen Gefangenen und die verwundeten Soldaten beider Seiten in der Stadt untergebracht, was die Vorräte erschöpfte.

Seuchen

Wie so oft im 18. Jahrhundert folgten auf die Soldaten die Krankheiten. In den Monaten nach der Schlacht brachen in Gadebusch und den umliegenden Dörfern Epidemien aus, die die zivilen Opfer weit über die Zahl der Gefallenen auf dem Schlachtfeld hoben.

Verwüstung in der Schaalsee-Region

Die Truppenbewegungen betrafen das gesamte Hinterland. Die schwedische Armee unter Magnus Stenbock war aus Richtung Wismar gekommen, während die Dänen und Sachsen aus dem Westen und Süden (Richtung Lauenburg/Schwerin) anrückten. Da sich der Tross einer solchen Armee auf dem Marsch damals aus dem Umland versorgte, wurde die ganze Region praktisch „leergefressen“. Die Bauern in der Schaalsee-Region wurden gezwungen, Getreide, Vieh und Heu abzugeben. Da die Schlacht im Dezember stattfand, bedeutete der Verlust der Wintervorräte für viele Familien den Hungertod. Brücken wurden abgerissen und Wege durch die schweren Geschütztransporte unpassierbar gemacht.

Das Dorf Wakenstädt

Das Dorf Wakenstädt lag im direkten Zentrum des Geschehens. Es wurde während der Kämpfe fast vollständig zerstört. Die schwedische Artillerie feuerte über die Köpfe der eigenen Infanterie hinweg in die dänischen Stellungen, die sich am Dorfrand verschanzt hatten. Wakenstädt wurde zum Synonym für das Grauen dieser Schlacht. Das kleine Dorf Wakenstädt lag direkt im Epizentrum des Schlachtfeldes. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass das Dorf am 20. Dezember 1712 faktisch ausgelöscht wurde. Wakenstädt war der Ankerpunkt der dänischen Verteidigungslinie. Die dänische Infanterie verschanzte sich hinter den Häusern, Scheunen und Gartenmauern des Dorfes. Das bedeutete, die schwedische Artillerie nahm das Dorf unter massives Kreuzfeuer, um die dänischen Stellungen „auszuräuchern“. Als die schwedische Infanterie (die berühmten "Caroliner") das Dorf stürmte, kam es im Häuserkampf zu blutigen Nahkämpfen direkt zwischen den Gehöften. Was das Feuer nicht vernichtet hatte, wurde von den Soldaten beider Seiten geraubt. Die Bauern verloren ihr gesamtes Vieh und sämtliche Saatgutvorräte für das nächste Jahr. Da die heftigsten Kämpfe im und um das Dorf stattfanden, lagen dort die meisten der circa 3.000 Gefallenen beider Seiten. Die wenigen überlebenden Einwohner mussten in den gefrorenen Boden Massengräber graben, um Seuchen zu verhindern. Wakenstädt ist historisch gesehen ein klassisches Beispiel für ein Dorf, das das Pech hatte, geografisch zur "Schlüsselposition" in einem Krieg der Großmächte zu werden.

Politische Folgen für Mecklenburg

Die Region war zu dieser Zeit Teil des Herzogtums Mecklenburg-Schwerin. Der Herzog verhielt sich neutral, konnte aber nicht verhindern, dass sein Land zum Kriegsschauplatz fremder Mächte wurde. Der schwedische Sieg bei Gadebusch verzögerte den Zusammenbruch des schwedischen Reiches in Norddeutschland zwar kurzzeitig, führte aber dazu, dass die Alliierten (Russen, Preußen, Dänen) im folgenden Jahr mit noch größerer Härte zurückkehrten. Die Region brauchte Jahrzehnte, um sich wirtschaftlich von den Belastungen des Jahres 1712 zu erholen. Die Schlacht bei Gadebusch war für die Schaalsee-Region der Moment, in dem die große europäische Politik mit voller Härte in den Alltag der ländlichen Bevölkerung einschlug – mit Folgen, die über Generationen hinweg spürbar blieben.