Das Grenzhus in Schlagsdorf
... von Heiko Wruck
Freitag, 1. Mai 2026
Hier begann vom Westen aus gesehen die DDR: Nachbau der innerdeutschen Grenze im Außengelände des Museums Grenzhus in Schlagsdorf. Foto: Heiko Wruck
Lassahn/ssr. In Schlagsdorf im Westen Mecklenburgs befindet sich ein wichtiges Museum, das die Geschichte der innerdeutschen Grenze veranschaulicht. Dieses Museum ist das Grenzhus. Dort wird die Geschichte der Teilung Deutschlands (1945 - 1990) dokumentiert.
Der Schwerpunkt liegt darauf, den Alltag der Menschen im Grenzgebiet abzubilden. Eine Dauerausstellung mit zahlreichen Fotos und Originalobjekten sowie rekonstruierte Grenzanlagen im Außengelände zeigen die Komplexität des Lebens an und mit der Grenze in der DDR. Schlagsdorf lag selbst zu DDR-Zeiten direkt im Grenzgebiet. Das Leben dort war stark eingeschränkt. Der Zugang zu Schlagsdorf war nur mit einer Genehmigung möglich. Schlagsdorf selbst war Teil dieses Systems. Der Ort lag im Sperrgebiet, der Zugang war streng reglementiert.
Nachbau von Grenzsicherungsanlagen (Beobachtungsturm/Führungsstelle) im Außengelände des Museums Grenzhus in Schlagsdorf: So zeigte sich die innerdeutsche Grenze aus der Sicht der DDR. Foto: Heiko Wruck
Ständige Kontrolle und Präsenz
Wer hier lebte, brauchte Genehmigungen, musste Kontrollen passieren und lebte unter ständiger Beobachtung. Nur wenige Kilometer entfernt, in Schlagbrügge, war eine Kompanie der Grenztruppen stationiert. Ihre Präsenz bestimmte den Rhythmus des Alltags – sichtbar, hörbar, unausweichlich. Das Grenzhus greift genau diese Erfahrungen auf und macht sie für heutige Besucher nachvollziehbar. Das Museum wurde 1999 eröffnet, um die Erinnerung an die deutsch-deutsche Grenze zu bewahren.
Das Grenzhus ist jedoch nicht nur ein Museum, sondern es soll auch ein politischer Lernort sein. Dort wird erklärt, wie das Grenzsystem technisch funktionierte. Es zeigt, wie das Grenzregime das Leben der Menschen beeinflusste und welche Folgen die Teilung Deutschlands für die Landschaft und die Gesellschaft hatten. Die Öffnungszeiten, Eintrittspreise, Veranstaltungsangebote und vieles mehr können auf der Internetseite des Schlagsdorfer Grenzhuses abgerufen werden. Draußen, im rekonstruierten Außengelände, wird die Grenze greifbar: Sperranlagen, ein Wachturm, Sicherungssysteme und Minen vermitteln einen Eindruck von der technischen Perfektion, mit der die Deutsche Demokratische Republik ihre Grenze überwachte.
Splittermine 1970 (SM-70). Die SM-70 wurde in die Minensperranlage MS 501 eingebaut. Synonym für die Mine wurde deswegen auch der Begriff Gerät 501 benutzt. Nachstellung im Außengelände des Museums Grenzhus in Schlagsdorf (vorderes Sperrelement). Foto: Heiko Wruck
Gerhard Hofert – Der erste tote Grenzer
Schlagsdorf und das Grenzkommando Schlagbrügge gerieten schon früh in den Fokus der Öffentlichkeit, als dort ein Grenzpolizist ums Leben kam. Gerhard Hofert, Oberwachtmeister der Volkspolizei (Grenzkommando Schlagbrügge), starb am 3. August 1949 während eines Grenzdienstes in einem Waldstück bei Kiekbusch, an der offenen Grenze zur britischen Besatzungszone. Der tödliche Zwischenfall ereignete sich direkt am Grenzverlauf bei Kiekbusch nahe Schlagsdorf. Kiekbusch ist ein kleiner Ortsteil der Gemeinde Eichholz (heute Teil von Rehna), der 1949 unmittelbar an der damaligen Demarkationslinie lag. Die Schüsse fielen im Waldgebiet zwischen Schlagsdorf und Kiekbusch.
Es gibt in anderen Quellen eine zweite, stärker wertende Darstellung, die von einem Mord durch einen Agenten spricht. Die konkrete Ablaufbeschreibung bleibt jedoch dieselbe: tödliche Schüsse während der Fahndung im Grenzabschnitt. Der Täter wurde unmittelbar danach von zwei hinzukommenden Grenzpolizisten festgenommen und der sowjetischen Besatzungsbehörde übergeben.
Ein Prozess gegen den Täter ist nicht belegt
Laut offizieller Darstellung der DDR soll es sich bei dem Täter um den Agenten Michels gehandelt haben (ein „Agent des westdeutschen Militarismus und Imperialismus“). Gehard Hofert war der erste Grenzer, der im Grenzdienst in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone sein Leben ließ. Die DDR wurde wenige Monate später am 7. Oktober 1949 gegründet. Hoferts Ermordung wurde in der DDR als „meuchlings“ und „feige und hinterrücks“ bezeichnet. Ob Michels tatsächlich ein Agent war oder ob es sich um eine propagandistische Zuschreibung handelte, bleibt in den Quellen unklar. Auch ob Michels in einem Verfahren angeklagt wurde, ist nicht belegt. Gerhard Hoferts Tod fällt in eine Phase, in der die DDR-Führung die Kontrolle über die innerdeutsche Grenze ausbaute. Seine Tötung wurde politisch genutzt, um die Notwendigkeit einer strengeren Grenzsicherung zu betonen – ein Prozess, der in den folgenden Jahren zur vollständigen Abriegelung der innerdeutschen Grenze führte.
Chronologie der DDR-Grenzsicherung
● 1945 - 1946 Sowjetische Truppen;
direkte Grenzsicherung
● Ab 1. Dezember 1946 Grenzpolizei
der SBZ; deutsche Polizisten,
sowjetische Kommandeure;
Unterstützung sowjetischer Truppen
● Ab 1949 Volkspolizei (VP);
Grenzkommandos unterstanden
sowjetischer Aufsicht; Bewachung
der Demarkationslinie
● 1950 - 1952 Kasernierte Volkspolizei;
unterstellt dem DDR-Innenministerium;
paramilitärische Einheit zur Grenz-
sicherung; Vorläufer der NVA
● 26. Mai1952 - 1961 Deutsche Grenz-
polizei (DGP); unterstellt dem DDR-
Innenministerium; eigenständige
Bewachung der DDR-Staatsgrenze,
Verhinderung von Flucht/Schmuggel
● 13. August 1961 - 1973 Grenztruppen
der NVA; unterstellt dem Ministerium
für Nationale Verteidigung; militärische
Grenzsicherung; Bau der Berliner Mauer
(ab 13. 8. 1961); Eingliederung der DGP
in die Nationale Volksarmee (NVA) als
Teilstreitkraft
● 1973 - 1990 Grenztruppen der DDR;
ab 1973 eigenständige Truppengattung
und Ausgliederung aus der NVA; direkte
Unterstellung unter das Ministerium für
Nationale Verteidigung
● 30. Juni 1990 Auflösung der Grenztruppen
Unterstützende Einheiten
● 1953 - 1989 Ministerium für Staatssicherheit,
Abteilung Grenzsicherung, Hauptabteilung I;
Überwachung der Grenze; Koordination mit
Grenztruppen; Verhinderung von Fluchten
● 1949 - 1990 Zollverwaltung der DDR;
Kontrolle von Waren und Personen an
offiziellen Grenzübergängen; unterstand dem
Ministerium der Finanzen der DDR und unter-
stützte die Grenzsicherung
● Nach dem Bau der Berliner Mauer am
13. August 1961 bis 1989; Unterstützung der
Grenztruppen bei Patrouillen und Überwachung
(Zivilisten, die auf freiwilliger Basis
an der Grenzsicherung mitwirkten)
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