Der Isfriedsche Teilungsvertrag von 1194
... von Heiko Wruck
Freitag, 8. Mai 2026
Lassahn/ssr. Der Isfriedsche Teilungsvertrag vom 1. Februar 1194 ist eines der bedeutendsten Dokumente für die Regionalgeschichte Südostholsteins und Westmecklenburgs und damit auch unmittelbar für die Schaalsee-Region. Dieser Vertrag markiert einen juristischen und wirtschaftlichen Meilenstein beim Aufbau des Bistums Ratzeburg. Das Landeshauptarchiv Schwerin bewahrt die Urkunde auf (LHAS 1.5-2/1 Bistum Ratzeburg, Strelitzer Bestand, Nr. 10).
Hier sind die wichtigsten Eckpunkte:
Der Kern des Isfriedschen Teilungsvertrags von 1194: In der Urkunde einigten sich Isfried, der damalige Bischof von Ratzeburg, und sein Domkapitel (die Gemeinschaft der am Dom tätigen Geistlichen) über die rechtliche und wirtschaftliche Aufteilung der Kirchengüter. Ursprünglich verwaltete der Bischof alle Einkünfte allein und gab dem Kapitel nur das Nötigste. Mit diesem Vertrag wurden dem Domkapitel eigene feste Einkünfte (Pfründe) aus bestimmten Ländereien und Zehnten zugewiesen, um es wirtschaftlich unabhängig vom Bischof zu machen.
Der Isfriedische Teilungsvertrag unter Bischof Isfried teilte vor allem:
● Zehntrechte,
● Archidiakonate,
● Einkünfte aus Kirchspielen,
● sowie bestimmte Dörfer und Besitzkomplexe
zwischen Bischof und Domkapitel auf. Genannt wurden daher besonders jene Orte, deren Abgaben oder Rechte konkret verteilt werden mussten. Zahlreiche Orte des Bistums fehlen ebenfalls. Die Urkunde nennt nur jene Kirchspiele und Besitzungen, die für die konkrete Aufteilung relevant waren.
Geografischer Umfang
Der Vertrag betrifft das Territorium des damaligen Bistums Ratzeburg. Dieses umfasste im Wesentlichen:
■ das heutige Herzogtum Lauenburg (Schleswig-Holstein) und
■ große Teile von Westmecklenburg
Historische Bedeutung
Für Historiker und Heimatforscher ist das Dokument von unschätzbarem Wert, weil zahlreiche Orte in der Region hier zum allerersten Mal schriftlich erwähnt werden. Der Isfriedsche Teilungsvertrag von 1194 gibt Zeugnis über den Stand der deutschen Besiedlung und die Missionierung der zuvor slawisch bewohnten Gebiete unter Heinrich dem Löwen. Er listet die bestehenden Kirchspiele auf und zeigt so, wie weit die kirchliche Organisation Ende des 12. Jahrhunderts fortgeschritten war.
Die Quelle heute
Die Originalurkunde wird im Landeshauptarchiv Schwerin aufbewahrt. Ihr Erhaltungszustand gilt leider als problematisch (Schimmelbefall), weshalb sie für die Forschung meist in Form von Abschriften oder gedruckten Editionen (wie im Mecklenburgischen Urkundenbuch) herangezogen wird. Der Vertrag ist quasi die „Geburtsurkunde“ der kirchlichen Verwaltungsorganisation in der Region und liefert die erste detaillierte Bestandsaufnahme der Dörfer und Städte zwischen Ratzeburg und Westmecklenburg. Die Ersterwähnung dieser Orte bedeutet auch, dass sie bereits vor ihrer Nennung im Vertrag existiert haben.
Orte der Ersterwähnung im Isfriedschen Teilungsvertrag (1194)
Die Liste folgt der geografischen und administrativen Gliederung der damaligen Kirchspiele, wie sie im Vertrag (... als ...) aufgeführt sind:
● Ratzeburg
als Sitz des Bistums und des Doms
● Mechow
als Mechowe
● Schlagsdorf
als Zlavitiz, 1158 erwähnt, hier bestätigt
● Carlow
als Karlowe
● Demern
als Demere
● Groß Molzahn
als Mulsane
● Gadebusch
als Godebuz, Hauptort eines Landesbezirks
● Boitin
als Boythin, Landesbezirk/Hof
● Parum
als Parem
● Wittenburg
Sitz einer Burg und eines Kirchspiels
● Hagenow
als Hagenowe
● Lübtheen
als Luthen
● Pritzier
als Prezire
● Vellahn
als Vilan
● Bennin
als Bennin
● Camin
als Kamin
● Kogel
als Cowale
● Zarrentin
als Zarnethin
● Seedorf
als Zethen, Bezirk am Schaalsee
● Ziethen
als Citin
● Mustin
als Mustin
Ratzeburger Zehntenregister von 1230
Das Ratzeburger Zehntenregister von 1230 ist in seiner Detailfülle einzigartig. Es listet nicht nur Pfarrorte auf, sondern jede einzelne abgabepflichtige Einheit, darunter winzige Rodungssiedlungen („Hufenstellen“) und Orte, die später wieder wüst fielen (also untergingen). Hier ist die Rekonstruktion der vollständigen Liste, basierend auf der Transkription des Mecklenburgischen Urkundenbuchs (MUB I, 375).
Legende:
(W) = Wüstung
Ort existiert heute nicht mehr oder ist im Namen eines anderen Ortes aufgegangen.
(H) = Hufstelle
Kleinstsiedlung (oft sogenannte Waldhufe oder Einzelhöfe).
I. Land Boitin (Terra Boythin)
Boitin, Castorf, Barnin, Grapen Stieten, Schmachthagen, Schönfeld, Mühlen Eichsen, Testorf, Harmshagen, Renzow, Groß Welzin, Perlin, Pokrent, Alt Pokrent, Lützow, Kirch Stück, Gustävel (W), Zarrentin bei Boitin (W), Dutzow bei Lützow (W), Kladrum (W) bei Lützow und Pokrent, Musselmow (W), Neuendorf (W) bei Pokrent.
II. Land Gadebusch
Gadebusch, Möllin, Buchholz, Ganzow, Wakenstädt, Klein Hundorf, Groß Hundorf, Neuendorf, Stresdorf, Paetrow, Jarmstorf, Breesen, Roggendorf, Marienthal, Güstow, Dorf Mecklenburg (Anteile), Groß Salitz, Klein Salitz, Krembz, Radegast, Sassendorf (W), Hildebrandshagen (W), Lütken-Gadebusch (W), Pätrow-Hof (H), Neu-Güstow (H).
III. Land Rehna
Rehna, Nesow, Vitense, Brüsewitz, Gottmannsförde, Dragun, Meetzen, Holdorf, Warbelow, Löwitz, Parum, Pogez, Demern, Groß Rünz, Klein Rünz, Othenstorf (W), Törber (W), Menzendorf (H), Raddingsdorf (H), Benitz (W).
IV. Das Gebiet zwischen Wakenitz und Stepenitz (Schlagsdorf/Bäk)
Schlagsdorf, Schlagresdorf, Schlagbrügge, Heiligeland, Wietingsbek, Mechow, Thandorf, Ziethen, Molzahn, Bäk, Römnitz, Utun (W), Gisow (W), Kedingstorp (W/H), Borgandorp (W), Panten (W), Groß-Mechow (H), Wietingsbeker Mühle (H).
V. Land Carlow
Carlow, Klocksdorf, Samkow, Klein Molzahn, Stove, Köchelstorf, Reinstorf, Groß Thurow, Klein Thurow, Dechow, Gletz (W), Nienmark (W), Rupensdorf (H).
VI. Land Zarrentin (Terra Darcentin)
Zarrentin, Schaliß, Neuenkirchen, Lassahn, Techin, Bantin, Kölzin, Boissow, Testorf, Valluhn, Gallin, Gresse, Bennin, Tüschow, Kogel, Pamprin (W), Neu-Zarrentin (H), Hakendorf (W), Dankwardstorf (W), Kogel-Hof (H).
VII. Land Wittenburg
Wittenburg, Karft, Lehsen, Ziggelmark, Körchow, Perdöhl, Luckwitz, Parum, Dreilützow, Harst, Wölzow, Bobzin, Waschow, Boddin (W), Wölzow-Hof (H), Zadelow (W), Groß-Bennin (H).
VIII. Land Hagenow
Hagenow, Toddin, Setzin, Kloddram, Kirch Jesar, Neuhof, Gammelin, Bakendorf, Viez, Zapel, Kuhstorf (H), Moraas (H), Strohkirchen (H), Wassermühle Hagenow (H).
IX. Terra Luthera (Lübtheen/Elbe)
Lübtheen, Jabel, Trebs, Volzrade, Jessenitz, Vielank, Teldau, Bandekow, Garlitz, Langenheide, Quassel, Probst-Woos (H), Gosewerder (W), Grittel (H).
X. Land Vellahn & Pritzier
Vellahn, Pritzier, Brahlstorf, Goldenbow, Rodenwalde, Marsow, Melkof, Dammereez, Banzin, Albertstorp (W), Bennin-Süd (H).
XI. Raum Ratzeburg (Sprengel St. Georg)
Ratzeburg, Sabu (Vorstadt), Einhaus, Buchholz, Disnack, Pogeez, Groß Sarau, Klempau, Berkenthin, Krummesse, Niemark, Groß Grönau, Klein Sarau (H), Hornstorf (W), Gisow (W), Rothenhausen (H), Groß-Berkenthin (H), Giersberg (H).
XII. Kirchspiel Mustin & Seedorf
Mustin, Kittlitz, Rosenhagen, Dutzow, Kneese, Goldensee, Thurow, Seedorf, Groß Zecher, Klein Zecher, Hakendorf, Neuenkirchen, Zierow (W), Dinnies (W), Garrensee (H).
XIII. Kirchspiel Sterley & Gudow
Sterley, Kehrsen, Salem, Dargow, Kogel, Gudow, Segrahn, Grambek, Lehmrade, Hollenbek (H), Besenthal (H), Koberg (W).
XIV. Die Walddörfer (Nusse, Sandesneben, Siebenbäumen)
Nusse, Ritzerau, Duvensee, Kühsen, Panten, Sandesneben, Labenz, Klinkrade, Lüchow, Schiphorst, Steinhorst, Siebenbäumen, Kastorf, Schenkenberg, Lankau (H), Wipenitz (W), Bliestorf (H), Schürensöhlen (H), Wentorf (H), Linau (Anteile).
XV. Raum Mölln
Mölln, Alt-Mölln, Breesen, Woltersdorf, Breitenfelde, Borstorf, Hornbek, Niendorf, Talkau, Schretstaken, Eichholz (H), Grünau (H), Möllner Mühle (H).
Statistische Einordnung
Das Register nennt insgesamt:
Über 350 bestehende Dörfer: Etwa 40 - 60 namentlich genannte Wüstungen (W), die heute archäologisch oder nur noch als Flurname (z. B. „Altes Dorf“) existieren und zahlreiche (H)-Stellen, die im Register oft als „in silva“ (im Walde) oder „ad latus“ (an der Seite) eines Hauptortes beschrieben werden.
Diese Liste ist die „DNA“ der Region – sie zeigt, dass das Siedlungsnetz um 1230 bereits fast so dicht war wie heute, bevor Kriege und Pestepidemien im 14. Jahrhundert viele dieser Orte (die Wüstungen) wieder verschwinden ließen.
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