Sankt Georg auf dem Berge in Ratzeburg
... von Heiko Wruck
Mittwoch, 6. Mai 2026
Bischofspforte der Kirche Sankt Georg auf dem Berge in Ratzeburg. Sie ist die „Mutterkirche“ der Region. Foto: Heiko Wruck
Lassahn/ssr. Die Kirche St. Georg auf dem Berge gehört zu den historisch bedeutendsten Orten im norddeutschen Raum – nicht nur architektonisch, sondern vor allem kirchen- und landesgeschichtlich. Sie gilt als älteste Kirche des Lauenburger Landes. Ihre Ursprünge reichen in die Missionierungszeit des 10. - 11. Jahrhunderts zurück, als am Ratzeburger See und in der Schaalsee-Region die slawischen Polaben christianisiert werden sollten. Bereits um das Jahr 1040 stand auf dem späteren Georgsberg vermutlich eine erste Holzkirche. Später folgte ein Feldsteinbau. Die Kirche Sankt Georg auf dem Berge in Ratzeburg ist die „Mutterkirche“ der Region. Von dort aus wurden zahlreiche Pfarrkirchen gegründet. Selbst der später erbaute Ratzeburger Dom geht indirekt auf die Kirche Sankt Georg auf dem Berge zurück.
Von der Kirche Sankt Georg auf dem Berge begann die Christianisierung der Slawen am Ratzeburger See und in der Schaalsee-Regionen. Foto: Heiko Wruck
Frühes Kloster und Märtyrertod
Im 11. Jahrhundert bestand neben der Kirche Sankt Georg auf dem Berge auch ein Benediktinerkloster. Im Jahr 1066 kam es bei einem Slawenaufstand zur Gefangennahme des Abtes Ansverus und seiner Mönche. Sie alle wurden von den Slawen getötet – ein Ereignis, das die Region stark prägte. Diese Ermordung des Abtes und seiner Mönche wurde später als Märtyrertod verklärt und mit einem zentralen Erinnerungsort (u. a. Ansveruskreuz bei Einhaus) im historischen Bewusstsein gehalten.
Das Fenster in der Kirche Sankt Georg auf dem Berge zeigt die Tötung des Abtes Ansverus. Foto: Heiko Wruck
Bischofssitz und Machtzentrum
Nach der Gründung des Bistums 1154 war die Kirche Sankt Georg auf dem Berge zunächst Bischofskirche von Ratzeburg. Initiator der Gründung war Heinrich der Löwe. Er ließ im Zuge der Christianisierung und politischen Erschließung der slawisch geprägter Gebiete im heutigen Norddeutschland mehrere Bistümer neu einrichten. Die kirchliche Organisation erfolgte unter dem Dach des Erzbistums Bremen. Zum ersten Bischof wurde Evermod von Ratzeburg ernannt, ein Gefährte von Norbert von Xanten und Mitglied des Prämonstratenserordens. Die Gründung steht im Zusammenhang mit der Missionierung der slawischen Abodriten im Raum um Ratzeburg und in der Schaalsee-Region sowie mit der territorialen Expansion der sächsischen Fürsten nach Osten. Im Zuge der Reformation wurde das Bistum im 16. Jahrhundert aufgelöst. Das Gebiet ging später im weltlichen Fürstentum Ratzeburg auf. Erst mit dem Bau des Doms im 13. Jahrhundert verlor die Kirche Sankt Georg auf dem Berge ihre Rolle als Machtzentrum. Bis dahin blieb sie jedoch geistliches Zentrum des Umlands, Ausgangspunkt vieler weiterer Kirchgründungen und später Pfarrkirche eines großen Kirchspiels.
Besonderheiten im Mittelalter
Zwei ungewöhnliche Aspekte prägen die Geschichte der Kirche Sankt Georg auf dem Berge. Im 13. Jahrhundert entstand das Siechenhaus Sankt-Jürgen-Hospital für Leprakranke. Der zweite Aspekt war die Verbindung zur weltlichen Macht. Die Kirche war eng mit der Burg Ratzeburg beziehungsweise mit dem herzoglichen Sitz verbunden. Der Pastor war zeitweise Hofprediger der Herzöge von Sachsen-Lauenburg.
Zerstörung und heutige Gestalt
Im Jahr 1561 wurde die Kirche Sankt Georg auf dem Berge durch einen Brand schwer beschädigt. Der Wiederaufbau (ab 1566) gab ihr die heutige Form. Der kleine Turm stammt aus dem späten 17. Jahrhundert. Heute noch zu sehen sind die romanischen Ursprünge (Feldsteinbau), der später barock überformt wurde. Das riesige Granit-Taufbecken stammt aus dem 12. Jahrhundert. Es ist eines der größten Taufbecken Norddeutschlands. Der barocker Altar wurde um 1720 errichtet. Die kunstvolle Bronzetür mit Passionsdarstellung schmückt den Eingang der Kirche. Die Eingangstür der Kirche Sankt Georg auf dem Berge stammt aus dem Jahr 1954.
Die Eingangstür zur Kirche Sankt Georg auf dem Berge wurde vom Bildhauer Carl Schubert geschaffen und wird auch als „Bischofspforte“ bezeichnet. Foto: Heiko Wruck
Spuren des alten Klosters auf dem Sankt Georgsberg
Vom Benediktinerkloster des 11. Jahrhunderts ist oberirdisch kaum etwas erhalten geblieben – das ist typisch, weil die Anlage beim Slawenaufstand 1066 zerstört wurde.
Der Märtyrer Ansverus und sein Gedenkort
Der Abt Ansverus wurde zusammen mit seinen Mönchen beim Slawenaufstand von 1066 getötet. Der wichtigste Erinnerungsort liegt heute nicht direkt in Ratzeburg, sondern bei ist das Ansveruskreuz bei Einhaus. Dort soll – der Überlieferung nach – Ansverus gefoltert und schließlich hingerichtet worden sein. Historisch gesichert ist vor allem, dass das Kloster zerstört wurde, die Mönche getötet wurden und das Ereignis einen Bruch in der Christianisierung Nordelbiens markiert. Das Ansveruskreuz befindet sich ≈ 5 km südlich von Ratzeburg im Waldgebiet zwischen Einhaus und Groß Disnack, nahe der Straße Richtung Kittlitz. Das Kreuz steht nicht direkt an einer großen Straße, sondern an einem Feldweg in unmittelbarer Nähe eines Sportplatzes an einem Jugendzeltlager. Das Ansveruskreuz ist nur über einen kurzen Fußweg oder mit dem dem Fahrrad/eBike erreichbar. Zwar steht der Tod des Abtes Ansverus als Symbol für den Zusammenbruch der ersten Missionsphase, aber ein stiller Wald-Gedenkort ist dieser Platz nicht.
Ansveruskreuz: An dieser Stelle soll der Abt Ansverus angeblich beim Slawenaufstand 1066 von den Aufständischen ermordert worden sein. Foto: Heiko Wruck
Ansverus war ein Abt eines Benediktinerklosters auf dem St. Georgsberg bei Ratzeburg und Teil der Missionsbewegung zur Christianisierung der slawischen Polaben zwischen Elbe und Ostsee im 11. Jahrhundert. Sein Kloster gehörte zu den frühen kirchlichen Stützpunkten, die nach der ottonischen Ostexpansion entstanden. Im Jahr 1066 kam es im Nordosten des heutigen Deutschlands zu einem großen Aufstand der slawischen Bevölkerung gegen die christliche Mission und die politische Einflussnahme des sächsischen Adels. Dabei wurde das Kloster auf dem St. Georgsberg (bei Ratzeburg) zerstört, viele Mönche wurden getötet und der Abt Ansverus gefangengenommen. Nach späterer kirchlicher Überlieferung wurde Ansverus zusammen mit seinen Mitbrüdern bei Einhaus bei Ratzeburg hingerichtet. Er soll zuvor noch versucht haben, seine Mitbrüder zu schützen. Der angebliche Ort seines Martyriums wird heute durch das Ansveruskreuz markiert. Seine Existenz und das Kloster sind historisch gut im Kontext belegt. Details seines Todes stammen teilweise aus späteren kirchlichen Überlieferungen. Die genaue Biografie ist jedoch nicht in allen Punkten sicher rekonstruierbar.
Die Verbindung zur slawischen Burg und zum Dom
Hier wird es besonders spannend, weil sich auf engstem Raum mehrere Machtzentren überlagern. Da war zunächst die slawische Burg (10. - 11. Jahrhundert). Auf der Hauptinsel im Küchensee (heutige Dominsel und Altstadt) lag eine große slawische Befestigung der Polaben. Dem gegenüber lag die Kirche Sankt Georg auf dem Berge. Diese Kirche war bewusst außerhalb der Burg als Missionsstützpunkt zur Christianisierung des Umlandes angelegt worden. Erst ab 12./13. Jahrhundert wurde mit der Errichtung des Ratzeburger Doms auf der Fläche der einstigen slawischen Burg wurde später das kirchliche Zentrum auf die Hauptinsel verlagert. Der Dom war damit näher an die weltliche Macht gerückt, besser geschützt und repräsentativer als die Kirche Sankt Georg auf dem Berge. In der Folge verlor die Kirche Sankt Georg auf dem Berge ihre Funktion als Bischofssitz. Sie blieb aber die ältere, ursprünglichere Kirche.
Wer von der Kirche Sankt Georg auf dem Berge bergab Richtung Altstadt/Insel geht, folgt dem historischen Weg symbolisch vom Missionsort zur Machtzentrale. Genau diese Verlagerung passierte im 12./13. Jahrhundert. Die Kirche „wandert“ zur Burg – die Religion folgte der politischen Macht. Für diesen Weg braucht der fußläufige Wanderer heute circa 15 - 20 Minuten. Foto: Heiko Wruck
Slawen-Burg und Ratzeburger Dom
Ab dem 12. Jahrhundert entsteht der Ratzeburger Dom und damit ein neues kirchliches Zentrum: der Sitz des Bischofs, gebaut auf beziehungsweise nahe der alten slawischen Burgstelle. Damit ist die Christianisierung nun institutionalisiert und gesichert. Die Nähe zur weltlichen Macht garantiert Kontrolle und Stabilität. Die massive romanische Bauweise des Domes repräsentier den Machtanspruch, der den Kreuzgang die klösterliche Tradition.
Der Ratzeburger Dom: Die slawische Burgstelle bleibt unsichtbar, aber entscheidend. Im Bereich rund um den Dom stand einst die slawische Burg der Polaben. Die Burgreste sind heute nicht mehr sichtbar, aber die Insellage selbst ist das Relikt: strategisch perfekt geschützt. Foto: Heiko Wruck
Die Insel im Küchensee (heute Dominsel) war aus militärischer Sicht ideal. Sie war komplett vom Wasser umgeben, nur über schmale Zugänge erreichbar, teilweise mit steilen Uferzonen ausgestattet und bot eine gute Sicht über das Umland. Damit war die Burg praktisch nur schwer direkt angreifbar. Typisch für westslawische Burganlagen dieser Zeit waren Holz-Erde-Wälle (keine Steinburgen im frühen Stadium), Palisaden aus starken Baumstämmen. Der Innenbereich war mit mit Wohn- und Wirtschaftsgebäuden sowie mit Vorratslager für längere Belagerungen ausgestattet. Die Anlage war kein Schloss, sondern eine befestigte Siedlung, Machtzentrum und Zufluchtsort. Die Burg war Sitz lokaler slawischer Eliten und militärisches Kontrollzentrum der Region sowie ein großes Symbol der Unabhängigkeit gegenüber den Sachsen. Sie kontrollierte die Verkehrswege zwischen Ostsee, Elbe und Binnenland. Damit war die Burg war ein zentraler Konfliktpunkt, weil zwei Systeme aufeinandertrafen: slawische Stammesordnung (Burg als Machtzentrum) sowie sächsisch-christliche Herrschaftsstruktur (Kirche und Feudalordnung).
Im 12. Jahrhundert geschieht etwas Strategisches
Die Kirche übernimmt den Ort der slawischen Burg selbst mit dem Bau des Ratzeburger Doms. Damit passiert die Integration der ehemaligen Burginsel in das Bistum. Die Insel bleibt prägend, weil die natürliche Insellage unverändert ist, die historische Machtachse sichtbar bleibt und der Dom genau dort steht, wo vorher die Burg war.
Mit der Errichtung des Ratzeburger Doms wurde das alte politische Zentrum der Slawen komplett umgedeutet, aber nicht verlagert. Foto: Heiko Wruck
Mit dem Ratzeburger Dom soll die Region soll dauerhaft in das christlich-feudale System eingebunden werden. Der entscheidende Schritt dafür war die Bistumsgründung 1154. Das war kein „Umbau“, sondern eine Neuschichtung von Macht über einem alten Ort. Die Polaben-Burg selbst wurde nicht sofort zerstört, sondern schrittweise überformt. Die Holz-Erde-Strukturen verfielen oder wurden eingeebnet, neue Gebäude überlagerten die alten Strukturen.
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